"Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun nach Osten zogen fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen!- und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen, denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.“
„Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, den die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können, von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort die Sprache verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!“
Heute, ein paar Jahrhunderte später, möchte Europa zwar keinen Turm von Babel errichten, wohl möchte es aber Brücken zwischen den verschiedenen Sprachen schlagen, um zu einem besseren Verständnis und somit zur Realisierung neuer, großer Projekte beizutragen.
Die Pfeiler dieser Brücken, bestehend aus den einzelnen National-, Regional- und Minoritätensprachen, würden somit ein dichtes Netz bilden, das einem jeden von uns neue Horizonte eröffnen könnte. Deswegen hat die Europäische Union auch das Erlernen von zwei Fremdsprachen neben der Muttersprache zum offiziellen Ziel bis 2010 erklärt. Man möchte Brücken dort bauen, wo das gegenseitige Unverständnis nichts als Leere hinterlässt und zur Bildung von oftmals harten Vorurteilen führt. Denn auch wenn Einigkeit über dieses Vorhaben zu herrschen scheint, ist man weit davon entfernt. Flämischsprachige und frankophone Belgier, Basken und Galizier in Spanien und auch die Anglophonen, die immer wieder hegemonialer Bestrebungen verdächtigt werden, sind bestes Beispiel für die auf dem Gebiet der Sprachenpolitik immer noch vorhandenen Differenzen und Konflikte.
Die Aufgabe besteht also darin, ein besonders schwer zu erreichendes Gleichgewicht zu finden: Das Individuum soll respektiert werden, gleichzeitig möchte man die Europäer aber dazu ermutigen, menschlich, sprachlich und kulturell aufeinander zuzugehen.
Im Billigurlaub, bei InterRail Trips vom Festival Vieilles Charrues (Carhaix), über Glastonbury (England) und das Exit Festival (Serbien) bis Sziget (Budapest) oder bei kleineren Veranstaltungen – Mehrsprachigkeit verbreitet sich nur, wenn sie konkret gelebt und angewandt wird.
Dies muss auf lebendige Art und Weise geschehen. So zum Beispiel über Mobilitätsprogramme, Integrationsförderung, durch die Schaffung neuer, vor allem interaktiver Formen von Schulpartnerschaften über Instant-Messenger und Internettelephonie (VoIP) oder auch durch die Untertitelung unserer Fernsehserien. Es gilt, neue Möglichkeiten zu finden…
Die Herausforderung ist jetzt, diese Möglichkeiten auch in die Erfolgsgeschichte des europäischen Dialogs zu integrieren. In dieser Hinsicht liegt der Zauber der Mehrsprachigkeit in der Chance, die militantesten Regionalisten und die überzeugten Universalisten einander anzunähern. Und wenn wir einmal vereint sind, dann sind wir endlich frei. Frei, miteinander zu sprechen, uns zu verstehen und uns gegenseitig kennenzulernen…free to explore Europe.